Am Anfang eines Jahres versuche ich traditionell ein wenig in die Zukunft zu blicken, natürlich hauptsächlich in die der Fototechnik, dem Thema dieses Blogs entsprechend. Die vorigen Blicke können Sie unter https://fotoschule.westbild.de/?s=Glaskugel&submit=Suchen finden. Der Blick in die Zukunft macht weniger Spaß als früher, was nicht die Schuld der Fotografie ist, sondern die unserer Gegenwart. Die USA driften in den Faschismus, der Iran schießt seine Bevölkerung zusammen, China rüstet massiv auf und bereitet uns rhetorisch auf die Einnahme Taiwans vor. In Russland bewerten drei Viertel der Bevölkerung nach einem Vierteljahrhundert putinscher Propaganda Stalin positiv. Aber auch im Rest der Welt werden Probleme verdrängt und kommende Katastrophen nicht entschärft, obwohl wir es besser wissen. Ob das nun lokale Ereignisse sind, wie das große Erdbeben, das Istanbul unweigerlich treffen wird, ohne dass die Stadt sich baulich darauf vorbereitet oder globale Probleme wie der Klimawandel, der schon viel weiter fortgeschritten ist, als die meisten von uns wahrhaben möchten und gegen den viel zu wenig getan wird. Kommende Generationen werden uns für wahnsinnig halten und mir fällt gerade wenig ein, was ich ihnen diesbezüglich entgegenhalten könnte.
Es ist nicht alles düster, wer sich für Wissenschaft interessiert, wird die enormen Fortschritte mitbekommen, die fast wöchentlich in den Nachrichten erscheinen. Der Fusionsreaktor ist auf einem guten Weg, die Krebsmedizin steht vor großen Durchbrüchen und unser Weltwissen hat sich enorm erweitert. In vielen Bereichen hat es Erfindungen gegeben, von denen ich in meiner Abiturzeit gedacht hätte, dass ich sie nicht erleben würde, selbst, wenn ich sehr alt werde.
In der Fotografie erwarte ich mittelfristig wenig Sensationen, was auch daran liegt, dass wir schon so viele hatten und wir zum Teil nahe der physikalischen Grenzen sind. Die Bildqualität bei hohen ISO-Werten wird heute viel mehr von der Zahl der eintreffenden Photonen als von der Leistungsfähigkeit der Sensoren begrenzt. Durch die RGB-Filterung schmeißen wir zwar 2/3 des Lichts weg, bevor wir es messen, aber selbst wenn filterlose Techniken wie Foveon ihr Farbdifferenzierungsprobleme gelöst bekommen, wären damit nur noch ca. 1,5 Blendenstufen theoretisch herauszuholen, während SW-Sensoren schon heute nahe der optimalen Effizienz liegen können. Nach oben, also in der Dynamik der Lichter, ist noch deutlich Spielraum. Ebenso lässt sich die Auslesegeschwindigkeit der Sensoren verbessern, wenn man von den wenigen Kameras absieht, die heute schon Global-Shutter verwenden. Auch muss die Auslesegeschwindigkeit nicht mehr so auf den Dynamikumfang schlagen, wie es bislang oft noch der Fall ist.
Der Autofokus wird weiterhin von mehr Rechenleistung und besseren Algorithmen profitieren. Allerdings wird das wir die meisten ohne Belang sein, da die jetzigen Kameras auch schon gut genug sind. Ich erwische mich, dass ich bei meinen Kamerabüchern immer mehr Kleinvögel und Insekten im Flug fotografiere, um den AF überhaupt an und über seine Grenzen bringen zu können.

Wenn Kameras technisch immer ähnlicher werden, werden andere Faktoren wichtiger. Charme und Stil können Kaufimpulse setzen. Ich erwarte mehr Kameras, die sich auf historische Modelle beziehen und solche, die eine hohe Designqualität besitzen und haptisch sehr angenehm sind. Canon wird wohl ein Retromodell bringen, Fujifilm lehnt sich eh sehr erfolgreich an historische Kameras an, Leica ist (etwas überspitzt formuliert) seiner Designlinie eh seit über einhundert Jahren treu und Nikon hat gute Erfahrungen mit der Zf gemacht. Kompaktkameras, die jahrelang fast tot waren, sind wieder im Kommen und der Markt für analoge Fotografie wächst weiterhin.
Manche Hersteller, wie etwa OM-System sind schon recht weit, was softwareunterstützte Fotografie betrifft, Ein ND-Filter lässt sich auch durch das Zusammenrechnen von Einzelbelichtungen simulieren, das Lichtsammeln ließe sich auch für einen erweiterten Dynamikumfang nutzen. Die Prozessoren in den Kameras sind enorm leistungsfähig, es sind Anwendungen denkbar, die das Fotografieren erweitern und vereinfachen, ohne dafür gleich irgendwelche KI-Funktionen zu implementieren, die in einer Kamera eher stören.

Ich erinnere mich, dass Olympus vor zehn Jahren gesagt hat, dass die Erdrotation die Bildstabilisierung begrenzt. Die waren damals führend bei den Blendenstufen, um die man länger belichten konnte. Es hat bis letztes Jahr gedauert, bis DJI/Hasselblad tatsächlich die GPS-Position in die Bildstabilisierung eingerechnet haben, um diese Grenze zu überwinden. Hasselblad schreibt, damit wären nun 10 LW längere Zeiten möglich. (In meinem Hinterkopf spielen die Kassierer gerade „Erdrotation, wer merkt die schon“). Software wird Kameras weiter verbessern, ich hoffe nur, dass das nicht nur zu immer mehr Spielereien und KI-Müll führen wird, sondern zu Funktionen, die auch fotografisch Sinn ergeben.
Die Fototechnik hat andere Sparten stark bereichert und wird auch Entwicklungen von dort zurückbekommen. Der Lithium-Akku, der 1991 zum ersten Mal in einer Sony-Videokamera eingesetzt wurde, liefert heute die Energie für mein Auto, die Digitalkamera ermöglicht ein teilautonomes Fahren. Die Fortschritte in der Bilderkennung werden auch den AF weiter verbessern, aber genauso die Überwachungstechnik mächtiger machen und die Zielerfassung der Kampfdrohnen perfektionieren. KI entfernt nicht nur Personen aus Fotos, sondern liefert auch den ICE-Schergen die Einsatzpläne für Deportationen (Palantir).
Ich erwarte von den Kameraherstellern keine KI-Bildmanipulationen, die sich bereits in der Kamera anwählen lassen, sondern, dass Sie endlich verlässliche Mechanismen einbauen, mit denen sich Fotos und Videos verifizieren lassen und Bearbeitungsschritte dokumentiert werden.
Die Auflösung der Sensoren lässt sich noch erhören und ich vermute, dass wir Kameras sehen werden, die die bisherigen Grenzen erweitern werden. Nicht unbedingt, weil es sinnvoll ist, sondern weil es ein Unterscheidungsmerkmal ist, dass sich vermarkten lässt. Das bedeutet aber auch, dass sich diese Auflösung nur mit offeneren Blenden überhaupt erzielen lassen wird, weil die Beugungsgrenze als sinnvollen Blendenwert ca. das doppelte der Pixelbreite in Mikrometer ergibt. Eine 45-MP-Vollformatkamera wird also oberhalb von f9 schon unschärfer (36 mm/8192 Pixel -> 4,39 μm*2 -> 8,78). Das setzt aber auch Objektive voraus die diese Auflösungen liefern können, d.h. deren Unschärfen unterhalb der Beugungsgrenze liegen. Sony hat bereits einen 180 MP-Mittelformat-Sensor gezeigt, der wahrscheinlich in absehbarer Zeit in Kameras von Hasselblad und Fujifilm landen wird. Mir wären kürzere Auslesezeiten, kürzere Blitzsynchronzeiten (bei Fujifilm, Hasselblad regelt das über den Zentralverschluss im Objektiv) und ein schnellerer AF wichtiger, aber vermutlich wird der Sensor nicht nur in der Auflösung besser sein.
Um als Kamerahersteller erfolgreich zu sein, muss das verfügbare Objektivsystem umfassend und gut sein. Das ist fast die größere Herausforderung, als ein paar Kameras im Programm zu haben, die auf der Höhe der Zeit sind. Diese sind auch für die Wertschöpfung insgesamt wichtig, was leider dazu führt, dass sich manche Hersteller weitgehend gegenüber den Fremdherstellern abschotten. Da ist besonders Canon zu nennen, aber Nikon ist auch nicht viel offener. Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, wenn es dabei um chinesische Billighersteller handelt, die echtes Dumping betreiben. Aber dass man sich nicht einmal mit Sigma einigen kann, ein für beide Seiten vorteilhaftes Lizenzsystem einzuführen, ist ärgerlich. Sony und L-Mount machen es besser, auch wenn Sony groß genug wäre, um nicht so offen zu sein. Aber nie so groß geworden wäre, wenn sie es nicht gemacht hätten.

Nun ist Fotografie keine Messtechnik und ob ein Bild gelungen ist, hängt nicht direkt an der optischen Perfektion des Objektivs. Manchmal ist die sogar hinderlich, weil Charakter verloren geht. Deswegen verwende ich gerne alte Objektive und schätze auch, wenn die Hersteller auf Perfektion verzichten, um ein Objektiv günstiger anzubieten und dabei einen schönen Bildcharakter bewahren. Das RF 45 mm f1,2 STM ist so ein Beispiel, es ist im Handel für ca. 450 € zu bekommen, während ein „perfektes“ RF 50 mm f1,2L USM ca. 2000 € mehr kostet. Ein echter Pixelpeeper wird viel zu bemängeln haben, aber ich persönlich finde es wirklich schön. Ich denke, es wird ein Trend werden, dass wir mehr Objektive sehen werden, die fotografisch gut zu nutzen sind, sich aber trotzdem noch für Spontankäufe eignen. Ich habe gerade die zweite und deutlich erweiterte Auflage meines Objektivbuchs fertiggestellt, falls Sie sich tiefer mit dem Thema Objektive beschäftigen möchten.
Objektive werden leichter, was höhere Lichtstärken ermöglicht. Wir werden verstärkt Zooms mit f2 sehen, die sonst als f2,8 auf den Markt gekommen wären. Meiner Meinung nach gibt es eine Lücke zwischen den eher lichtschwachen langen Telezooms und den lichtstarken Superteles, die meist über 10.000 € liegen. Nikon hat da schon ein bisschen was gebracht, aber z.B. Canon könnte mit einem etwas lichtschwächeren Supertele, das leichter und günstiger als die großen ist, einen Markterfolg erzielen.

In der Optik sind Dinge möglich, die im Objektivbau noch nicht ansatzweise angekommen sind, auf längere Sicht rechne ich mit großen Überraschungen. Beugungsoptik, flache Linsen oder Metamaterialien könnten zu völlig neuen Konstruktionen führen, auch wenn wir diese vielleicht nicht sofort in fotografischen Anwendungen sehen werden, sondern erst in anderen Bereichen.
Spätestens das letzte Jahr hat gezeigt, dass weder die USA noch China Handelspartner sind, die Abhängigkeiten nicht gegen Europa ausspielen werden, wenn sie sich einen vermeintlichen Vorteil davon versprechen. Das wird dazu führen, dass europäische Lösungen populärer und andere Handelspartner wichtiger werden. Ich befürchte allerdings, dass die großen Verwerfungen erst vor uns liegen und wir in vielen Bereichen nicht schnell genug umstellen, um ernste Krisen zu vermeiden. Chipproduktion, Software, Pharmaka, IT-Dienstleistungen etc. vertragen alle einen deutlich höheren lokalen Anteil, zudem muss Europa auch aus sich heraus verteidigungsfähig sein. Es gibt sehr viel zu tun, manche Vorteile der Globalisierung werden dabei verloren gehen. Richtig dramatisch werden die Versorgungsprobleme werden, sollte es wirklich zu einem Angriff auf Taiwan kommen. Schon jetzt werden Speicher, Festplatten und Grafikkarten teurer, nur weil die Rechenzentren erhöhten Bedarf wegen des KI-Booms haben.
Ein weiterer Trend wird uns leider auch in der nahen Zukunft erhalten bleiben, die „Enshittification“ der Online-Dienste, verstärkt und beschleunigt durch die KI. Der Trend, immer mehr zu monetarisieren und dabei gleichzeitig immer mehr einzusparen, macht das Nutzererlebnis immer frustrierender. Facebook macht 10% des Umsatzes mit betrügerischer Werbung, von den Milliarden, die die Propaganda einspielt, ganz zu schweigen. Aber statt darauf zu verzichten, baut sich Mark Zuckerberg von dem Geld lieber einen riesigen autarken Bunker auf Hawaii. Und er ist nicht der Einzige. Die KI macht nicht nur gezielte Werbung, sondern auch personalisierte Betrugsversuche einfacher und billiger. Auch die nicht personalisierten. Sie müssen dazu nur auf manchen Nachrichtenseiten nach unten scrollen, um dort Anzeigen für Produkte zu finden, die in der Form offensichtlich unmöglich sind. Das Internet war früher freudvoller, als man sich über Fotografie noch in Newsgroups wie de.rec.fotografie ausgetauscht hat und nicht einfach nur das Werbeumfeld für unangenehme Konzerne aufgebaut hat. Liegt aber auch an uns, unsere digitale Kultur müssen wir auch selbst in die Hand nehmen, auch wenn es immer schwerer wird, diese gegen Unmengen von AI-Slop aufrecht zu erhalten.
Selbst der Buchmarkt wird überschwemmt von Produkten, hinter denen nur ein Prompt steckt. Ich bekomme das auch im Kamerabuchmarkt mit. Während es früher 2-4 Bücher zu einer Kamera gab, hinter denen sich immer ein Autor oder eine Autorin ernsthaft mit der Kamera beschäftigt hat, finden Sie heute eine zweistellige Zahl, bei denen teilweise auf dem Cover die falsche Kamera abgebildet ist oder das insgesamt KI-generiert ist.
In komplexen Zeiten im Informationsmüll zu ersticken, macht es nicht einfacher. Bei einem Kamerabuch ist das noch überschaubar, aber wenn Gesellschaften ihre Zukunftsentscheidungen davon abhängig machen, kann es fatal werden.
Ich erwarte bei Canon eine Erneuerung einiger APS-C-Kameras, zuallererst die R7 Mark II, eine günstige Vollformatkamera, vielleicht endlich mal neue Shift-Objektive und ein Fisheye-Objektiv für RF und eine Retro-Kamera. Vielleicht kommen sogar schon erste RF-Objektive in der zweiten Version, das RF28-70mm f2L USM ist zwar hervorragend, könnte aber gerne leichter werden. Nikon könnte ebenfalls ein Shift-Objektiv bringen und die Videomöglichkeiten erweitern, da der Erwerb von RED sicher den Videobereich stärken soll. Sony bringt hoffentlich die A7 R VI mit den Vorteilen die die neue Sensorgeneration auch der A7 V mitgegeben hat, vor allem bei Dynamikumfang. Open Gate, d.h., dass der gesamte Sensor für Video ausgelesen werden kann, bleibt sicher ein Trend, vor allem, weil die Sensoren schnell genug dafür sind und Hochformate im Video wichtiger geworden sind. Ebenfalls wieder schick geworden sind die frühen Digitalkameras, vielleicht auch, weil die Generation, die diesen Look mit Ihrer Kindheit verbindet, jetzt erwachsen geworden ist.
Hoffen wir, dass es nächstes Jahr wieder ein bisschen besser aussieht. Es würde schon helfen, wenn der Kongress und die Gerichte in den USA endlich wieder ihren Job machen würden und die Medien und Politiker dem Mann, der auch schon vor seiner Demenz weder intellektuell noch charakterlich für seine Position geeignet war, mehr Kontra geben. Die Zwischenwahlen stehen auch an, obwohl ich nicht sicher bin, dass die reibungslos ablaufen werden. Die Lage ist im Moment so grotesk wie ein Mar-a-Lago-Face. Ich muss an einen Ausspruch von Prof. El-Mafaalani denken, der hier in Dortmund lehrt. Er meinte, die 2020er Jahre wären schon nicht mehr zu retten, wir müssten dafür sorgen, dass es danach wieder deutlich besser wird. In diesem Sinne, verlieren Sie nicht den Mut, bewahren Sie sich die Freude an der Fotografie (die auch „Shutter-Therapy“ sein kann) und machen Sie das Beste aus diesem Jahr.
Und nicht zu vergessen: Im Frühherbst vor zweihundert Jahren wurde die älteste erhalten gebliebene Fotografie aufgenommen. Wenn das kein Grund zum Feiern ist: Alles Gute zum 200!

















