Der Blick in die Glaskugel für 2019

Die 5Ds R ist schon bald vier Jahre alt und immer noch die hochauflösendste Vollformatkamera. 2019 wird das vorbei sein, Sony hat bereits einen Sensor angekündigt, der um die 60 MP auflöst, Canon einen mit über 70 MP, der wahrscheinlich in einer EOS R Verwendung finden wird. Der Sony-Sensor soll auch einen langsameren 16Bit-Auslesemodus haben, der einen um fast zwei Blendenstufen höheren Dynamikumfang verspricht (bei 4,6 Bildern/s).

Es kommen zwar erste Global-Shutter-Kameras, aber diese zeigen, dass die Technik immer noch nicht so weit ist, Dynamikumfang und Rauschen sind noch nicht auf dem Level, den Kameras mit zeilenweiser Sensor-Auslesung erreichen. Deswegen sind das eher Speziallösungen und keine Technik, mit der ich 2019 in Massenkameras rechne. Leider.

Der Trend geht zu Spiegellos und Vollformat, es werden noch neue DSLRs erscheinen, aber es ist abzusehen, dass Sie ähnlich wie Verbrennungsmotoren beim PKW die letzte Generation sein werden. Canon, Nikon und Panasonic haben schon spiegellose Vollformatkameras herausgebracht bzw. vorgestellt, bei Canon kommen bestimmt noch zwei dazu in 2019, eine über der EOS R, eine darunter. Ich hoffe, dass zumindest die große IBIS mitbringen wird, gerade bei einer hochauflösenden Kamera ist das ein Muss. Die Technik ist inzwischen so weit, dass spiegellose Kameras Vorteile haben. Die Vorteile der DSLRs, etwa, dass einige davon deutlich robuster gebaut sind, sind ja nicht systembedingt, sondern können auch für zukünftige Spiegellose Anwendung finden. Die eher schlechte Wetterabdichtung von z.B. Sony-Kameras ist ja nur eine Designentscheidung, die bei stärkerem Wettbewerb wahrscheinlich bald überdacht werden wird. Eine professionellere EOS R wird auch ein anderes Level der Abdichtung mitbringen, als das erste Modell, dass eher auf dem Niveau einer EOS 6D Mark II konstruiert ist. Was nicht schlecht ist, aber eben nicht an Profi-DSLRs herankommt. Auch wenn sich die bestehenden Objektive an einer Nikon Z oder EOS R hervorragend und ohne Einbußen adaptieren lassen, ist der Druck der Hersteller groß, das native Objektivprogramm deutlich auszubauen. Wir werden im nächsten Jahr also nicht nur aufregende neue Kameras sehen, sondern auch interessante neue Objektive, die die Möglichkeiten der neuen Bajonette ausnutzen.

Die Frage ist, was langfristig aus Micro Four Thirds ( µFT ) wird, durch die schnelleren Prozessoren lassen sich auch hochauflösende Vollformatsensoren schnell auslesen und somit sehr schnelle Bildfolgen erzielen. Die Gehäusegröße ist bei Spiegellosen ebenfalls kein Argument mehr. Allein die Objektivmaße sind noch ein Argument für
µFT, für alle, die eine leichte und kompakte Ausrüstung bevorzugen. Ob das auf Dauer reicht, die Nutzergemeinde groß genug zu halten, um mit den Neuentwicklungen der anderen Fotohersteller vom Entwicklungsaufwand her mithalten zu können, weiß ich nicht. Das werden Sie als Kunde entscheiden.

Das Mittelformat demokratisiert zu zunehmend, Sie bekommen eine neue Mittelformatkamera wie die Fuji GFX 50R schon für unter 4500€. Mit einem Canon-EF-Adapter ist der Druck, gleich in Objektive zu investieren auch nicht mehr hoch. Auf der anderen Seite sind die Qualitätsverbesserungen und die Praxistauglichkeit im Vollformat so hoch, dass die Notwendigkeit für das Mittelformat nicht mehr hoch ist. Ich rechne trotzdem mit steigenden Nutzerzahlen, weil der Reiz einer größeren Kamera bleibt und die Preise nicht mehr viel höher sind als für gute Vollformatkameras.

Die Bereiche, in denen man Berechnungen zur Verbesserung der Bildqualität verwenden wird, werden zunehmen, Echtzeitkorrekturen von Objektivfehlern auch für Video sind bereits Realität, das Google Pixel 3 nutzt KI, um Nachtaufnahmen deutlich zu verbessern und gleicht damit eine der letzten Schwächen von Handykameras weitgehend aus. Einer der Trends wird sein, dass KI-Funktionen zunehmend auf lokalen Maschinen ausgeführt werden und nicht mehr auf Server zurückgreifen müssen. Manche Smartphones oder Tablets sind heute schon so leistungsfähig wie ein gehobenes Laptop oder ein guter Desktop PC, deswegen wird im nächsten Jahr auch eine Vollversion von Photoshop für das iPad erscheinen. Selbstfahrende Autos werden bei lebenswichtigen Entscheidungen im Straßenverkehr auch nicht auf Serverantworten warten wollen. KI wird keinesfalls schleichend Einzug halten in viele unsere Lebensbereiche, sondern die Entwicklung wird schnell und selbstbeschleunigend stattfinden, manche der Ergebnisse werden weit jenseits meiner Fantasie sein. Der Mensch wird sein Selbstverständnis an diese Entwicklungen anpassen müssen, die Veränderungen für die Gesellschaft positiv umzusetzen, wird eine Herausforderung. Ich hatte bei der Wahl meines Berufes gedacht, dass die Entwicklung von Computerintelligenz mich in einem kreativen Beruf erst relativ spät betreffen wird. Inzwischen weiß ich, dass es heute schon anfängt, mein Berufsfeld zu berühren und rapide fortschreiten wird. Trotzdem bin ich froh, nicht in einer Bank oder Versicherung zu arbeiten, wo KI viel schneller das Berufsfeld verändern wird und auch Angestellte ersetzen wird.

Dronen werden zunehmend kritisch gesehen werden und stärker reglementiert. Dass der Flughafen Gatwick für einen Tag vor Weihnachten wegen Dronen stillstand, ist ein eher harmloser Vorgeschmack auf das, was mit Dronen in der näheren Zukunft ausgeführt werden wird. Damit meine ich die kleinen Consumer-Dronen und nicht die militärischen, die schon seit Jahren viel mehr Menschen töten, als uns bewusst ist. Der technische Fortschritt geht in jede Richtung, dass er insgesamt zum Guten beiträgt, funktioniert nur, wenn sich Menschen engagieren und rechtzeitig die Kurve kriegen. Wir werden durch den Fortschritt Probleme schneller lösen können, aber auch in schnellerer Folge neue Probleme zu lösen haben. Ohne internationale Zusammenarbeit wird das nicht gehen, aber genauso muss sich jeder einzelne bewusst werden, dass er selbst auch wichtig ist und etwas ändern muss. Die Frage “Warum ändern die nichts?” sollte jeder erst einmal durch “Warum ändere ich nichts?” und dann durch “Wie kann ich etwas ändern?” ersetzen. CO-Vermeidung wird in den nächsten Jahren Mainstream, in Deutschland sind wir da vielleicht etwas hinterher (suchen Sie doch mal nach “Flygskam”), aber auch hier kommt das Ende einer Ära.

Die Erkenntnis, dass auch die gebildeten und umweltbewussten Menschen eher ein Teil des Problems sind als ein Teil der Lösung, setzt sich langsam durch (http://www.spiegel.de/wirtschaft/klimawandel-das-koennen-sie-persoenlich-dagegen-tun-a-1240539.html). Ich selbst bin da leider keine Ausnahme, auch wenn ich nur eine kleine Wohnung nutze, die keine andere Energie als 100% Oköstrom verbraucht, liegt mein C02-Ausstoß trotzdem über dem Durchschnitt. Ich habe begonnen, Dinge zu ändern, aber das ist noch ein weiter Weg. Elektromobilität wird meine Bilanz hoffentlich bald verbessern, Flugreisen kann ich entweder lassen oder zumindest kompensieren (https://www.atmosfair.de/de/). Und wenn dann lieber einmal für länger weg als öfter und kürzer.

Instagram hat den Trend verstärkt, dass immer mehr Menschen die gleichen Foto machen möchten, Seiten wie https://www.instagram.com/insta_repeat/ machen Sie sich darüber schon lustig, Instagrammer stehen vor den Sehenswürdigkeiten Schlange, um ein Foto zu bekommen, das aussieht, als wären Sie alleine dort (http://www.reisereporter.de/artikel/6116-overtourism-instagram-zerstoert-diese-orte-komplett-mit-geotagging-neuseeland-yosemite-verzascatal). Immer mehr Menschen haben die wirtschaftlichen Möglichkeiten für Fernreisen, social media schaltet deren Reisewünsche teilweise gleich, Overtourism macht diese Ziele dadurch unerfreulich und trägt oft zu deren Zerstörung bei. Gegen ein modernes Kreuzfahrtschiff sieht die Titanic aus wie eine Barkasse. In Deutschland werden gerade Kreuzfahrtschiffe der neuen “Global Class” gebaut, die 9500 Passagieren Platz bieten.

Diese Aufnahme entstand mit einem Nikkor 55mm f1,2 Auto S.C von 1973 an einer EOS R bei Offenblende mit 1/20s und ISO 12.800. Das Objektiv hat einige optische Schwächen, die dem Ergebnis aber nicht schaden.

Ein weiterer Trend, der schon seit einigen Jahren wächst, aber seinen Höhepunkt sicher noch nicht erreicht hat, ist Altglas, d.h. die Verwendung von Objektiven, die zumeist vor der Einführung des Autofokus gebaut wurden. Altglas ist das Vinyl der Fotoszene. Ich selbst habe mich erst so richtig mit dem Thema beschäftigt, als ich mein Objektivbuch begonnen habe, seitdem aber viel gelernt über die Vorteile alter Objektive, so dass sie in Zukunft ein wesentlicher Bestandteil meiner fotografischen Arbeit bleiben werden. Spiegellose Kameras erleichtern die Arbeit mit alten Objektiven durch ihr geringes Auflagemaß und die Scharfstellhilfen im elektronischen Sucher stark. Viele Fotografen werden also jetzt erst hinzukommen, wenn Sie auf Nikons und Canons adaptierfreudige neue Kameras umsteigen. Das Vergnügen ist oft günstig, so dass Sie für den Preis eines hochwertigen neuen Objektivs schon eine ganze Sammlung aufbauen können. Darin liegt auch eine gewisse “Gefahr”, denn bei den meisten Altglas-Nutzern bleibt es nicht bei ein paar Objektiven, sondern es werden auch wegen des sehr unterschiedlichen Charakters der Objektive schnell sehr viele.

Die Fototechnik wird sich im nächsten Jahr stark entwickeln, das Gefühl der momentanen Stagnation wird sich nicht halten, ist eigentlich auch spätestens seit dem Sommer 2018 nicht mehr angebracht. Der Fotomarkt für Fotografen wird dagegen eher leicht negativ sein, auch wenn es Trends gibt, dass sich Fotografen besser organisieren und nicht mehr alles mit sich machen lassen. Leuten, die ich mag, würde ich nicht raten, Fotograf zu werden, es sei denn bei überragendem Talent.

Ich vermute, dass Facebook und Instagram bereits heute auf dem absteigenden Ast sind und sich der Trend 2019 verstärken wird, augmented reality und KI werden aber wichtiger werden. Tablets werden für immer mehr Nutzer Computer ersetzen und Smartphones immer mehr Kameras. Für echte Amateurfotografen werden Kamerasysteme weiterhin die Wahl sein und auch lange bleiben, aber wer einfach nur Familie, Freunde und Reiseerinnerungen festhalten möchte, der wird dafür meist mit einem Smartphone auskommen.

Auch bei meinen professionellen Kollegen beobachte ich einen gewissen Trend weg von Adobe, bei der Raw-Konvertierung und Bildbearbeitung gibt es inzwischen ernst zu nehmende Alternativen, ich selbst habe meine letzten Jobs auch mit CaptureOne durchgeführt, weil mir die Ergebnisse besser gefielen. Ein Softwaremonopol ist für niemanden gut außer dem Monopolisten, es wäre auch nicht schön, wenn es nur noch eine Kameramarke gäbe. Eine zwangsweise Mietlösung wie bei Adobe lässt sich weniger leicht durchsetzen, wenn man nur ein Anbieter unter vielen ist. Ich beobachte an mir, dass ich von Miet- und Cloud-Lösungen eher genervt bin und hatte auch schon Zeiten, in denen ich kurzfristig nicht mit Adobe arbeiten konnte, weil Lightroom und Photoshop ihren Lizensierungsserver nicht fanden. Als Lytro insolvent ging, konnten die Kunden der plenoptischen Kameras ihre Arbeiten nicht mehr im Web zeigen, weil die Cloud-Lösung des Viewers eingestellt wurde. Nutzen Sie moderne Technik mit Spaß, aber überlegen Sie sehr gut, wenn Sie sich oder Ihre Firma von ihr abhängig machen.

Vergessen Sie bei all den Zukunftsentwicklungen nicht die Vergangenheit. Die Fotografie wird 2026 200 Jahre alt. Gehen Sie mal wieder ins Museum, verwenden Sie historische Fototechnik, nicht um die Zeit zurückzudrehen, sondern um sich selbst weiterzuentwickeln. Ich wünsche Ihnen ein zufriedenes und gesundes 2019, machen Sie was draus!

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