Canon EOS 6D Mark II: Erfahrungsbericht

Da die Arbeiten zu unserem Buch über die 6D Mark II schon recht weit fortgeschritten sind, komme ich endlich wieder dazu, mich dem Blog widmen zu können. Ich habe inzwischen einige Erfahrung sammeln können. Ich besaß auch die erste 6D, jedenfalls bis sie mir auf Teneriffa geklaut wurde. Das einzige, was mich an der ersten 6D wirklich genervt hat war diese „Andeutung eines Autofokus-Systems“, das war für damals schon zuwenig. Um es vorwegzunehmen: Ich mag die EOS 6D Mark II, sie ist nicht perfekt (was allerdings keine Kamera ist, die ich kenne), aber Sie leistet sich auch keine Schwächen, die ihre Anwendung begrenzen würden.

Was Canon sehr gut gelöst hat, ist die Bedienung. Da liegt Canon ohnehin vorne, aber die 6D Mark II ist noch einmal etwas klarer geworden. So sind die Tasten auf der Oberseite einfach belegt. Ein Druck auf die Taste und eine Drehung den Hauptwahlrads reichen aus. Die AF-Feldwahl lässt sich direkt mit der entsprechenden Taste durchwählen. Der Body ist insgesamt gelungen, ergonomisch und durchdacht. Wenn ich überhaupt etwas kritisieren würde, dann die mickrige Abblendtaste. Aber die Funktion können Sie sich auch eine andere Taste legen lassen.

Der Touchscreen ist super und kann alles. Die Menüs lassen sich komplett bedienen, die Schärfe legen und Auslösen im Livebild ist auch kein Problem. Der Autofokus im Livebild ist großartig, ich habe mir angewöhnt, Porträts wird lichtstarken Objektiven fast nur noch im Livebild aufzunehmen. Der AF Bereich ist viel größer und die Gesichtserkennung sehr genau, auch bei Bewegungen. Der Sucher ist zwar auch sehr gut einsehbar, groß und klar, aber bei Porträts müssen Sie genau arbeiten, denn die Farberkennung, die bei Gesichtern helfen soll, kann nicht viel. Nikon macht das besser, dafür ist das Livebild bei Nikon schlechter zu verwenden.

AVD Nachtrennen mit der 6D Mark II

Die Bildqualität ist gut, der Dynamikumfang aber tatsächlich nicht berauschend. Die Farbdarstellung ist sehr gut, die einzigen Schwächen, die ich erlebt habe, lagen an Lightroom und nicht an dem, was aus der Kamera kommt. Ich hoffe das Lightroom 2017, das bald kommt, nicht nur an der Geschwindigkeit, sondern auch an den Farben etwas ändert. Bei schwachem Licht ist die Kamera nicht nur sehr gut zu bedienen, weil der AF gut mithält, sondern die Ergebnisse sind auch sehr brauchbar. Auflösung und Schärfe sind gut, der AA-Filter scheint viele Details zu erhalten. Der Bildschirm ist sehr gut abgestimmt, bei schwierigen Naturtönen können Sie die Kamera neben das Motiv halten und alles passt. Zumindest, wenn Sie einen Bildstil wie Standard eingestellt haben.

Die Akkudauer ist prima, allerdings zieht das GPS, wenn sie es eingeschaltet haben und die Kamera nicht richtig ausschalten. Ich habe beim Autorennen am Nürburgring den ersten Akku nach über 3400 Aufnahmen gewechselt, und das war nur ein LP-E6 und kein LP-E6N.

Livebild macht selbst am Supertele noch Spaß

Die SCN-Modi für Anfänger hätte man gerne weglassen können, allerdings stören sie ja auch nicht. Die beworbene elektronische Bildstabilisierung bringt wenig. 4K-Timelapse ist allerdings großartig, das hätte ich auch gerne in der 5D Mark IV.

Das Blitzsystem und Objektivangebot sind wie immer bei Canon großartig. Die 5D Mark IV ist sicher die in manchen Details professionellere Kamera, aber ich würde mir mit der 6D Mark II auch für fast jeden Job gut gerüstet vorkommen. Für Hochzeitsfotografie, People, Industriereportage, Naturfotografie, zum Teil Sport etc. ist sie sicher ein hervorragendes Werkzeug. Wenn Sie auf 4K verzichten können, ist die 6D Mark II auch gut im Video, der AF ist jedenfalls voll videotauglich, was man von einer Sony A9 z.B. nicht sagen kann.

Die alte 6D hat einen noch von bestimmten fotografischen Möglichkeiten ausgeschlossen. Ich erinnere mich an einen Tanz bei einer Hochzeit bei schwachem Licht. Der AF war unfähig, eine einigermaßen zufriedenstellende Trefferquote zu erzeugen. So etwas passiert mit der 6D Mark II nicht mehr, die Kamera kann alles, was man braucht. Manchmal ist dafür vielleicht der Livebildmodus zu verwenden, der ist jedenfalls so gut, dass Sie ihn nicht außer acht lassen sollten.

Makro mit der 6D Mark II

Macken gab es wenige, bei ein paar Blitzen brauchte ich eine neue Firmware, ein Ringblitz von Yongnuo wurde ausgemustert. Das Sigma 35er ART war im Livebildmodus nicht sauber zu verwenden, aber Sigma Japan ist wohl an einer neuen Firmware dran. Und nein, ich meine damit nicht die Objektivaberrationskorrektur, die sollten Sie bei Fremdobjektiven eh lieber ausmachen.

Wer über seine erste Vollformat, einen Nachfolger zur 6D oder einen Vollformat-Zweitbody zu vertretbarem Preis nachdenkt, dem kann ich nicht abraten.

https://www.rheinwerk-verlag.de/canon-eos-6d-mark-ii_4552/?GPP=westphalen

 

 

 

4 Gedanken zu „Canon EOS 6D Mark II: Erfahrungsbericht

  1. Sehr geehrter Herr Westphalen,

    vielen Dank für Ihren sehr ehrlichen Erfahrungsbericht zur 6D Mark II.

    Sie schreiben, dass Sie Portraits überwiegend im Livebild Modus aufnehmen. Gilt dies nur für die neue 6D oder auch für die 5D Mark IV?

    Als weiteren Nachteil haben Sie die schlechten Farben in Lightroom angeführt. Ist dies ein allgemeines Lightroom Problem oder tritt es Ihrer Meinung nach primär bei der 6D Mark II auf?

    Ganz generell würde ich mich über einen Vergleich der 5D Mark IV und der 6D Mark II aus Ihrer Perspektive sehr freuen. Mich interessiert hier vorwiegend die Leistung des Servo AF, da mein Haupteinsatzzweck das (private) Fotografieren eines sehr aktiven Kleinkinds ist. Zur Zeit nutze ich eine 70D und stelle leider immer wieder fest, dass der Servo AF mit vielen Situationen überfordert ist.

    Mit freundlichen Grüßen
    Niklas Altmann

    • Moin Herr Altmann,

      bei lichtstarken Festbrennweiten nehme ich tatsächlich oft den Livebildmodus. Bei der 5D Mark IV genauso wie bei der 6D2. Die 6D Mark II ist farblich sehr gut, aber in Lightroom sind die Farben bei Adobe Standard oft etwas muffig und bei Camera Standard deutlich zu dunkel. Das kann man aber einigermaßen korrigieren. Aber Lightroom ist wirklich nicht besonders gut, manchmal frisst es sogar Farben in einem Verlauf, die bei DPP oder CaptureOne ganz klar dargestellt werden. In den nächsten Tagen kommt ein neues Lightroom, ich hoffe, dass die endlich auch den 2012er Prozess erneuert haben, aber ich befürchte, dass das immer noch der gleiche Kram sein wird, bloß etwas schneller.
      Die 5D4 ist besser beim AF, im Dynamikumfang, kann die 1/8000s, ist robuster und hat zwei Kartenslots. Die 6D2 hat ein schönes Klappdisplay, ist leichter zu bedienen, der AF wird für fast alles ausreichen. Die Kamera ist sehr gut bei schwachem Licht und schon rund insgesamt. Wenn Sie über das Geld nicht nachdenken müssen und viel Zeit mit Fotografie verbringen können, ist die 5D4 besser. Aber auch nur, wenn Sie mit Objektiven arbeiten, die beim AF gut mitspielen. Sehr oft sind die nämlich eher das Problem als die Kamera. Ansonsten ist die 6D Mark II sicher die bessere Wahl. Oder, wenn es kein Vollformat sein muss, kommt auch die 80D in Frage, dann bleibt auch mehr Geld, um die Objektive etwas zu modernisieren. Aber egal, was Sie machen, machen Sie es bald, denn mit den Kindern geht es schnell.
      Sie können mir gerne auch noch einmal Ihre Objektive schreiben, dann kann ich besser beurteilen, wo das wichtigste Optimierungspotential liegt.
      freundliche Grüße,
      Christian Westphalen

      • Hallo Herr Westphalen,

        vielen Dank für die schnelle und ausführliche Antwort. Sie schreiben, dass die 5D4 den besser AF hat, die 6D2 jedoch für fast alles ausreicht. Wo genau liegen denn Ihrer Erfahrung nach die Vorteile des 5D4 AFs? Weiterhin würde mich hier insbesondere Ihre Erfahrungen/Einschätzungen zu den folgenden zwei Punkten sehr interessieren:

        1) Die AF Punkte der 6D2 sind ja recht stark um die Mitte des Suchers konzentriert, während die 5D4 hier eine deutlich größere Abdeckung hat. Haben sich dadurch für Sie im Praxisgebrauch große Einschränkungen ergeben? Würde ich mich, Ihrer Meinung nach, stark in meinen Möglichkeiten eingeschränkt fühlen, wenn ich von der 70D komme (ich benutze insb. die Eckpunkte des „inneren Quaders“ häufig)?

        2) Die rein technischen Unterschiede wie iTR, der bessere Metering Sensor und die verschiedenen AF Cases sind mir bekannt. Mich würde interessieren wie diese sich in der Praxis auf die Tracking Performance, insb. mit single point AF und unsteten Bewegungen (Kleinkinder, Ballsportler, …), auswirken.

        Aktuell setze ich an der 70D vor allem das EF 35mm f/2 IS USM und das EF 100m f/2.8L Macro IS USM ein. Bei beiden habe ich den AF mit Reikan Focal kalibriert (mehrfach) und anschließend das Ergebnis überprüft. Der Servo AF ist beim 1. und 2. Bild auf Schärfepriorität eingestellt, die Reaktion steht auf -2 und die Beschleunigung auf +1. In der Regel mache ich kurze Serien mit der schnellen Serienbildfunktion.

        Beim 35mm trifft der Fokus häufig sehr gut. Damit mache ich meistens Nahaufnahmen bei denen der Fokuspunkt etwas größer als ein Auge ist. Aber auch Bilder aus größerer Entfernung (Fokuspunkt = Kopf) gelingen häufig. Bei dem 100mm sieht es anders aus. In der Regel ist dort der Kopf etwa so groß wie der Fokuspunkt und etwas mehr Bewegung im Spiel. Auch bei Verschlusszeiten jenseits von 1/1000 ist hier das Gesicht häufig leicht unscharf (meiner Meinung nach definitiv keine Bewegungsunschärfe). In der Regel sind immer einige der Bilder verwendbar, da die Unschärfe bei einem normalen Abzug nich auffällt. Jedoch würde ich hier gerne meinen Ausschuss verringern.

        Danke & mit freundlichen Grüßen
        Niklas Altmann

        • Moin Herr Altmann

          1. ich würde sagen, das ist ungefähr vergleichbar, der innere Quader der 70D und die Abdeckung der 6D Mark II. Ich bin meistens damit ausgekommen, die Abdeckung im Livebild ist allerdings 80%*80%, das reicht in jedem Fall. Außerdem ist die Gesichtsverfolgung auch bei schnellen Bewegungen und schwachem Licht dann noch sehr gut.

          2. Ich habe zum Beispiel Libellen im Flug fotografiert. Das ging auch mit der 6D Mark II. Aber die 5D Mark IV macht es leichter, wohl auch, weil der Abstand der Einlassöffnungen des AF-Sensors größer ist. Der Sensor kommt halt aus der Profiliga und das merkt man auch. Ich fand die 5d4 im Jazzclub bei schwachem Licht und sehr lichtstarken Objektiven besser, im Livebild war das aber kein signifikanter Unterschied. Unstete Motive würde ich nicht mit single point machen (Ich weiß nicht, ob das „und“ das impliziert), sondern immer mit Zonen. Die 6D Mark II ist da schon gut, auch bei Vögeln, die im Wasser abbremsen. AF ist immer auch Übung, generell ist es besser, länger auf dem Motiv zu bleiben.

          Mit der 6D2 werden Sie ihren Ausschuss verringern, mit der 5D4 noch mehr, jedenfalls, wenn Sie sich gut einarbeiten. Vielleicht testen Sie den Livebildmodus der 6D2 mal aus, entweder Kind mitnehmen oder vor dem Fotohändler rumtanzen. Nachfürmessung, Gesichtserkennung, Serienbild. Eine 80D mit einem 70-200 wäre auch eine Überlegung wert. Wenn die AF-Qualität durch den Sucher absolut entscheidend ist, der Mehrpreis Ihnen nicht viel ausmacht (Denken Sie daran, dass Sie mindestens ein neues Objektiv werden haben wollen, wenn die Vollformat erst einmal da ist), dann kaufen Sie die 5D Mark IV. Aber sagen Sie Ihrer Frau nicht, dass ich schuld bin.

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